Flug #MH17 – Verschwörungstheorie und -praxis

Dieser Text ist in Auszügen auch auf Golem.de erschienen.

Es ist neuerdings so, dass ein abstürzendes Flugzeug kaum am Boden zerschellt ist, da kursieren bereits die ersten Märchen im Internet. Mit ihren Spekulationen zu Flug #MH17 schießen Verschwörungstheoretiker, Spin-Doctors und Medien den Vogel ab. Alle drei nehmen sich nichts, denn sie verstellen den Blick für die Hintergründe des Konfliktes, heizen die Stimmung weiter auf und werden den Opfern nicht gerecht.

So konnte ich wenigstens eine Theorie widerlegen:

MH17 „False Timestamp“ ist ein blinder Fleck

Ein Facebook-Freund schickt mir zwei Tage nach dem Absturz eine Email mit der Bitte um Hilfe. Seine Anfrage ist der Anlass für diesen Text und ich muss gestehen, dass ich zuerst dachte, dies könnte eine ganz große Story sein. Sie ist es nicht.

Der letzte Flug von MH17 endet in der Ostukraine
Der letzte Flug von MH17 bis zur Absturzstelle in der Ostukraine. Quelle: Flightradar24.com

Mehrere YouTube-Videos, die Bilder vom Unglücksort zeigen, tragen einen Zeitstempel, der erheblich vor dem Ereignis liegt. Die Poroschenko-Regierung in Kiew hatte sie als Beweise – wofür auch immer – auf einer Pressekonferenz gezeigt. Waren die Videos vor dem Absturz hochgeladen worden? Bevor jemand nicht weiterliest: Nein, denn es gibt eine einfache Erklärung für den Fehler. YouTube konvertiert jede Videodatei in ein eigenes Datenformat und versieht sie mit einem – komischerweise – falschen Zeitstempel. Das passiert bei jedem Upload. Warum das so ist, soll Google erklären, denn denen gehört die ganze Technik. Wen die technischen Details der Video-Kodierung interessieren, der liest bitte unten weiter.

Zu einem „Beweis“ für eine Verschwörung von dunklen Mächten, die den Abschuss einer Passagiermaschine geplant und die Videos dazu im Vorhinein produziert haben, wird der falsche Zeitstempel nur, wenn man die Antwort schon vor der Frage im Kopf hat. Wer seine eigenen Voreinstellungen, Ideologien und Paradigmen nicht beachtet, tappt unweigerlich in solche Fallen. In der Wahrnehmungspsychologie ist von einem „blinden Fleck“ die Rede, in Anlehnung an das Stück Netzhaut auf dem wir nicht sehen können. Wir sind blind für die Wahrheit, wenn wir sie von vornherein annehmen.

Niemand ist gefeit davor – auch ich nicht. Vielleicht habe ich mich der Sache nur angenommen, weil ich es immerhin für möglich gehalten habe. Übrigens ist das ein beliebter Propaganda-Trick: Schiebe dem (politischen) Gegner etwas in die Schuhe! Es kann noch so gelogen sein, Hauptsache das Publikum hält es für möglich. (Erinnerst du dich an Saddams Massenvernichtungswaffen?)

Beschäftigen wir uns einen Moment mit dem Propaganda-Krieg, der um die Ukraine und im konkreten Fall um Flug #MH17 tobt.

Geheimdienste als Quelle der Wahrheit?

Es gibt einen Satz, den sich Journalisten nicht trauen zu sagen: „Wir wissen es nicht.“ Stattdessen verpacken sie ihr Unwissen in die immer gleichen Floskeln: „Unbestätigten Gerüchten zu Folge…“, „Augenzeugen berichten, dass…“, neuerdings auch: „Nach Geheimdienstinformationen…“. Es ist befremdlich, wenn ausgerechnet Geheimdienste zunehmend Öffentlichkeitsarbeit machen. Das ist schon begrifflich paradox, scheint aber keinen Chefredakteur im Land zu stören. Die Schuldzuweisung an Russland, Moskau, Putin schwingt immer mit, ebenso pauschal und undifferenziert wie dieselbe Zuschreibung der Verschwörungstheoretiker an die ukrainische Regierung, die EU und die NATO.

Oft ist schon die Fragestellung falsch, ebenso falsch wie die Vermutung der Verschwörungs-Fans. n-tv versucht am 23. Juli 2014 die Frage zu beantworten „Wer schoss MH17 ab?“ Zu diesem Zeitpunkt ist immer noch nicht klar, ob die Maschine überhaupt abgeschossen wurde, auch wenn die Flugroute über das Kriegsgebiet diesen Schluss nahe legen. Nimmt man alle Spekulationen aus diesem Text, bleibt fast nur das Datum der Veröffentlichung übrig. Ein Beispiel: „Haben die Separatisten Beweise vernichtet?“ Die Antwort ist zunächst „Ja.“ Es wird zwar erwähnt, dass sie die entscheidenden Beweismittel, nämlich die Black-Boxen“ der Maschine geborgen und an die malaysische Regierung übergeben haben. Dass die Spurenlage an einer Absturzstelle sich durch Rettungs- oder Bergungsversuche immer ändert, erfährt der Leser nicht.

Flugschreiber bestimmen nicht die Herkunft von Raketen. Das müsste selbst Laien einleuchten. Hier kommen erneut Geheimdienstquellen ins Spiel, die nicht Müde werden, mit Fingern auf Russland zu zeigen. Nach anfänglich eindeutigen Schuldzuweisungen, werden die Behauptungen immer unkonkreter. Das lässt mich aufhorchen. „Russland schuf die Bedingungen für das Unglück“, zitiert The Guardian die US-Geheimdienste. Das ist derart unspezifisch, dass man auch behaupten könnte die malaysische Airline sei Schuld, weil sie durch die gewählte Flugroute die Voraussetzungen für einen (möglichen) Abschuss schuf. Derartige Verlautbarungen sollten in freien und unabhängigen Medien schlicht nicht vorkommen. Das Informationsvakuum mit heißer Luft zu füllen, ist keine Lösung – schon gar nicht für den Konflikt an sich.

Journalisten verpacken ihr Unwissen gern mit Begriffen wie „wahrscheinlich, möglicherweise oder augenscheinlich“. Nichts von dem, was ein Reporter im tausend Kilometer entfernten Kiew zu sagen hat, ist Stunden nach einem solchen Ereignis wahrscheinlicher als die Tatsache, dass es niemand außer den Verbrechern wissen kann, wenn es denn ein Verbrechen gab. Verschwörungstheoretiker und immer mehr Medien streichen den Konjunktiv aus ihrem Wortschatz. Aus Vermutungen werden so – zumindest verbal – Wahrheiten. In den Köpfen der Leser und Zuschauer entstehen tief eingebrannte Furchen der Angst – Nährboden für neue Hysterien.

Wie entkomme ich der Wahrnehmungsfalle?

Ich habe für mich drei Prinzipien ausgemacht: Klares Denken, kritische Offenheit, differenzierte Betrachtung. Diese Drei versuche ich anzuwenden, wo immer es geht.Zum Klaren Denken gehört, sich von albernen Glaubenssätzen zu trennen. Gespräche über den Krieg in der Ukraine und dessen Ursachen enden oft mit dem Satz: „Die Wahrheit wird schon irgendwo dazwischen liegen.“ Das ist Unfug, denn sie kann sich auch weit außerhalb des Vorstellbaren bewegen. Auch das Gegenteil ist oft nur ein Spiegelbild desselben Irrtums. Suche die Wahrheit niemals in der Mitte oder „irgendwo dazwischen“! Wenn einer lügt und der andere sagt die Wahrheit – wie kann sie dann zwischen beiden Aussagen liegen? Dafür ließen sich weitere Beispiele finden. Kritisch sollten wir mit unseren eigenen Ideologien sein und in Konflikten mehr nach den Ursachen und Lösungsmöglichkeiten fragen. Sie sind immer vielschichtig.

Rätsel um MH17 Codec entschlüsselt

Das Rätsel um die angeblich vordatierten Videos ist schnell gelöst. Ursprüngliche Quelle ist die Veröffentlichung von YouTube-Material auf einer ukrainischen Regierungsseite. Gegenstand der Untersuchung ist dieses Video. Lädt man es mit einem Browser-Plugin herunter, lassen sich mit Hilfe des Tools ffprobe die Metadaten der Videodatei (3gp und mpeg4) auslesen. Danach sehen wir, dass beide Dateien eine „Creation Time“ vom 16.7.2014 ausweisen. Alle Zeiten sind von ca. 20:32 am 16. Juli 2014. Das ist mehr als 9 Stunden vor dem Start der Maschine! Auch mit einer Differenz zwischen den Zeitzonen der Ukraine und irgendeinem Standort in den USA – am wahrscheinlichsten Kalifornien – ist das nicht zu erklären. Wußte jemand vorher, was passiert? Wer den Test an dieser Stelle abbricht oder auf dem selben Pfad weitersucht, wird zwangsläufig zu diesem Ergebnis kommen. Auch dieses Video hier mit der Explosion ist vom 16.7.2014, 18:10 Uhr. Und diese Aufnahme, die ebenso häufig referenziert wird, ist vom 16.7.2014, 20:13 Uhr.

MH17-Video Metadaten mit Creation Time
Die „Creation Time“ des MH17 Videos liegt Stunden vor dem Absturz – jedes andere YouTube-Video hat aber ebenso falsche Zeitstempel.

Wer hier aufhört zu prüfen, landet in einer Sackgasse, denn der Beweis ist keiner. Wie auch in weiteren Foren beschrieben wird, erhalten offenbar alle Youtube-Videos beim Upload einen Zeitstempel, der  bis zu 26 Stunden in der Vergangenheit liegt. Das ist zwar ein Fehler, aber ein konsistenter, wiederkehrender. Er geschieht bei jedem Hochladen. Mich hat dabei ein Techniker von Golem unterstützt. Ein Test am 23. Juli 2014 um 21.32 MET führt zu einem Timestamp von 19:32 Uhr vom Vortag. Damit ist der „Beweis“ also nichtig. Warum die bei Google das so machen erschließt sich mir nicht. Eine Anfrage an die Pressestelle blieb für den Moment unbeantwortet. Vielleicht ist nur jemand Urlaub oder die Illuminaten haben alle Uhren auf Google- und YouTube-Servern verstellt, damit der „Schwindel“ mit #MH17 nicht auffliegt. Das liegt nun ganz in deiner Betrachtung.

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2 Kommentare auf “Flug #MH17 – Verschwörungstheorie und -praxis

  1. Liebe Golem Redaktion / lieber Blogger.

    Jeder der im Business Document conversion bereich und Security bereich arbeitet, hätte diese Frage erklären können.

    Jetzt die Lösung des Rätsels:
    Conversion server bauen zb. auf Microsoft Office Viewer, irgendwelchen Office Programmen oder was auch immer auf. (libs, etc …)
    Zu 100% sind das aber Standardprogramme, die einfach mit einem pdf drucker oder eben im youtube fall-eben mit video conversion output einstellungen versehen werden.

    Da aber immer wieder Exploits vorkommen und man nicht will dass Hacker per exploit auf diese Backend Systeme Zugriff bekommen, wäre das eine Katastrophe.
    Wie schon die Dokumente von Snowden gezeigt haben, ist bei einem Zugriff auf die Glasfaserleitungen das gesamte Google Netzwerk (alle Daten) voll zugänglich.
    Da der Conversion server genau dort sitzt (und 100% auf alles Zugriff hätte), muss man ihn 100% abschotten.

    Daher zieht man für jede conversion! eine neue virtuelle Maschine hoch, die jeden Tag neu erstellt wird. (mit updates, neuen keys, Zeitstempel, etc). Diese virtuelle Maschine ist eine „suspended maschine“, damit man schneller starten kann. (also nicht einfach total neu booten)

    Diese Maschine verfügt über keinerlei Netzwerkinterface. Es wird ihr einfach auf einer Partition (oder Verzeichnis) ein paar Files zur Verfügung gestellt. Diese werden abgearbeitet, und danach wird diese Maschine vernichtet.

    Meine Erfahrung würde sogar soweit gehen, dass das für jede Datei gemacht wird , denn ein Hacker könnte bei einem Video File das einen Exploit mit sich trägt die „Output“ Informationen (directory dump/memory dump/keys/andere videos oder so) ja im resultierenden Video verstecken.
    Das wäre eine PR und Sicherheitsdiksussions-katastrophe die sich Google sicherlich nicht leisten würde.

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