Wie mit Germanwings der Journalismus abschmierte

Die Flugroute von 4U9525

Abschmieren ist mein Wort des Jahres, denn das ist es, was Journalisten tun: Abschmieren!

Das schließt im doppelten Wortsinn ihren eigenen Absturz ein. Ich meine jedoch vor allem die Tradition des Abschreibens, Herumposaunens und Dummschwätzens oder Dummschwätzenlassens durch sogenannte Experten: „Es ist natürlich zu früh für Spekulationen zur Absturzursache, aber können Sie unseren Zuschauern kurz Sagen, was sich im Cockpit zugetragen haben muss?“ 

Es geht in diesem Beitrag um zwei Dinge: Wieso kommt es immer wieder bei solchen Ereignissen zu Medienversagen? Und: Gibt es einen blinden Fleck, der aus dem allgemeinen Hang zum Abschreiben und Nachplappern resultiert? Übersehen wir etwas oder sollen wir etwas übersehen?

Mir wird unwohl, wenn ich sehe, wie die Meute den hingeworfenen Happen nachjagt. Was wir erleben, hat mit Journalismus nichts mehr zu tun. Der PR-Fachmann und Autorenkollege Norbert Schulz-Bruhdoel sieht im Verhalten der Medien sogar einen Abschied von der Zivilisation. Nüchtern betrachtet, ist es der Sieg der PR über die Medien. Eigentlich könnten wir für die Tagesschau und Heute-Sendung gleich durchschalten zum französischen Innenministerium. Fragen? Nicht erlaubt. Eigene Bilder? Verboten. Zweifel? Unangebracht. Brav halten sich die Medien an geistige und tatsächliche Absperrungen. Sie folgen unkritisch der schnell gefundenen Legende. In ihrer Hysterie ziehen sie sogar Unschuldige hinein in ihre Abgründe der Vorverurteilung, wie der Überfall auf die Freundin eines Facebook-Nutzers zeigt, der mit dem Co-Piloten nichts als den Vornamen teilt. Der Verwechslung saßen selbst ZDF, RP-online und andere Medien auf wie einem vorgezogenen, geschmacklosen Aprilscherz.

Es fehlen Fragen. Immer wieder fehlen Fragen, die sich mit Zweifeln und Zusammenhängen beschäftigen. Die Narration des Ereignisses ist für meine Begriffe zu glatt, zu linear. Die Geschichte ist plump, plumpser am plumpsesten: Absturz, Stimmrekorder, Krankenschein, Bingo! Der Co-Pilot war ein Psycho. Fall gelöst. Fast sieht es so aus, als geschähen Unglücke heutzutage gleich auf Bild-Zeitungsniveau. Der Widerspruch liegt in der fehlenden Widersprüchlichkeit. Die gibt es vielleicht bei CSI Miami aber nicht im wahren Leben. Es gibt im Umfeld der Tragödie einige offene Fragen, die man stellen kann, ohne den Respekt vor den Opfern und den Angehörigen zu verlieren. Im Gegenteil – gerade sie haben eine vollständige Antwort verdient. 

Die Flugroute von 4U9525
Die Absturztstelle von 4U9525 liegt etwas mehr als 200 km vor Genf, Sitz der Vereinten Nationen. Eine viertel Stunde beträgt die Flugzeit bis Lausanne, dem Ort der Atomverhandlungen mit dem Iran. Wie reagierten die internationalen Sicherheitssysteme auf die mögliche Bedrohung?

Mir ist bewusst, dass die folgenden Fragen eine Antwort nahelegen, nämlich die nach einem möglichen Abschuss des Germanwings-Fluges. Diese Antwort ist jedoch ebenso spekulativ wie jede andere derzeit gemachte Aussage zur Absturzursache. Es geht eben genau darum, die Antwort nicht vor der Frage zu geben, sondern nur darum, genauer hinzuschauen. Meine Fragen resultieren nicht aus einer Vermutung sondern aus dem Wissen um Zusammenhänge: Ein unkontrolliertes Flugzeug ist nicht nur für die Passagiere an Bord eine Gefahr. Das haben wir am 11. September 2001 doch gelernt.

Es geht im Kern um die berechtigte Frage, ob die vielfach beschworenen Antiterror-Maßnahmen bei diesem außer Kontrolle geratenen Flug funktioniert haben. Wenn ja, mit welchen Folgen für die Passagiere und wenn nein, warum nicht?

Die Tatsache, dass sich hier ein Passagierflugzeug im Sinkflug befand, dessen Crew auf keine Kommunikation von außen antwortete, muss irgendeine Reaktion der Luft- und Terrorabwehr in Gang gesetzt haben. Es muss möglich sein, diese Fragen zu stellen und darauf eine plausible Antwort zu verlangen, ohne in die Ecke der Verschwörungstheoretiker gestellt zu werden. Mach dir bewusst, dass alle derzeit gegebenen Antworten auch nichts anderes sind als Theorien – Theorien mit womöglich voreiligen Schlüssen!

Wir wissen nicht, was im Cockpit wirklich geschah. Aber wir wissen, wohin die Vektorpfeile aus Flugrichtung, Höhe und Geschwindigkeit zeigten. Was in einer zivilen Luftfahrteinrichtung Entsetzen ausgelöst haben muss, wie wirkte das auf die militärische Luftraumüberwachung im Dreiländereck Frankreich, Italien, Schweiz? 11.000 Meter, 9.000 Meter, 7.000 Meter – keine Reaktion der Piloten – Genfer See voraus…

Kritisch distanzierte – professionelle – Journalisten müssen diese Fragen stellen:

  • Befand sich das Flugzeug überhaupt auf seiner vorgegebenen Flugroute? Wenn nein, wie wurde auf die Abweichung reagiert? Wenn ja, wie wurde auf die Abweichung von der Flughöhe reagiert?
  • Welche französischen, italienischen und schweizerischen Behörden, außer der Flugsicherung, wurden über den unerlaubten Sinkflug informiert?
  • Welche Luftabwehrmaßnahmen zum Schutz vor einem möglichen Terrorangriff auf Städte in Frankreich, Italien oder der Schweiz wurden erwogen oder in Gang gesetzt?
  • Wenn es keinerlei Abwehrmaßnahmen gab – wie ist dieses Verhalten des französischen Militärs zu erklären? Immerhin bewegte sich das Flugzeug nicht nur auf Marseille zu, sondern auch auf Genf, der Sitz der UNO und noch direkter Lausanne, wo gerade über das iranische Atomprogramm verhandelt wurde – mit hochrangigen Regierungsvertretern, neben anderen aus den USA, Russland und Deutschland. 15 Minuten vom Tal des Todes!
  • Welche ständigen oder temporären Maßnahmen zur Sicherung des Luftraums vor dem Genfer See gibt es in den französischen Alpen? Es ist nachvollziehbar, dass der Sitz der Vereinten Nationen durch die NATO geschützt wird, denn Schweizer Piloten bliebe in diesem Zipfel des Landes keine Reaktionszeit.
  • Waren zum Zeitpunkt des Unglücksfluges eventuell AWACS-Aufklärungsflugzeuge in der Luft? Welches Land stellte möglicherweise diese oder ähnliche Überwachungs-Ressourcen? Unter wessen Kommando? Wo werden die Daten ausgewertet? Welche Aufzeichnungen bzw. Kommunikation gibt es von dieser Seite zum Unglückshergang?
  • Ist es möglich, aus der Kabine Funkkontakt nach draußen aufzunehmen oder via Satellit zu telefonieren? Als ausgesperrter Pilot hätte ich etwas derartiges versucht. Dann müsste es irgendwo dokumentiert sein.
  • Wodurch ist belegt, dass die Fotos staatlicher Stellen tatsächlich den Stimmrekorder aus der Unglücksmaschine zeigen?
Woran lässt sich zweifelsfrei erkennen, dass dieses Foto den Stimmrekorder des Airbus A320, Germanwings Flug 4U9525 zeigt? Sind die Ermittler diese ZWeifelsfreiheit der Öffentlichkeit nicht schuldig?
Woran lässt sich zweifelsfrei erkennen, dass dieses Foto den Stimmrekorder des Airbus A320, Germanwings Flug 4U9525 zeigt? Sind die Ermittler diese Zweifelsfreiheit der Öffentlichkeit nicht schuldig?
  • Gibt es ein Foto, das dokumentiert, wo und wann genau der Stimmrekorder gefunden wurde?
  • Wie ist es möglich, dass dieses Gerät unmittelbar nach dem Absturz in dem Trümmermeer gefunden wird und sein Zwillingsbruder, der Flugschreiber jedoch nicht? (Beide befinden sich im Heck des Flugzeuges. Keines von beiden kann sich in Luft auflösen)
    Update (5.4.15): Der Datenrekorder wurde offenbar nun auch gefunden und soll den mutwilligen Sinkflug und mehrfache Beschleunigungen bestätigen.
  • Bei anderen Abstürzen in Bergregionen fanden sich stets enorm große Trümmerteile: Tragflächen, Triebwerke, Rumpfteile.  Von diesem Flugzeug scheint es jedoch nur Splitter zu geben. Wodurch entsteht das untypische Bild an der Absturzstelle?

Unabhängige Ermittler und investigative Journalisten untersuchen in jede Richtung und genau das ist es, was ich vermisse. Es geht nicht um eine Verschwörungstheorie oder eine andere Antwort als die derzeit gegebene. Aber, Journalisten dürfen es dem Staat niemals leicht machen. Fungieren sie lediglich als Verstärker von Regierungsverlautbarungen, dann ist der Schritt zur Propaganda nicht weit. Es ist nämlich verdammt einfach, Hysterie zu erzeugen, zu steigern und Menschen dadurch zu manipulieren. Selbst wenn alle Angaben der französischen Ermittler stimmen, darf der Staat niemals lernen, wie einfach es ist, die Meute zu steuern.

Medienabstürze wie bei Wulff, NSA, NSU, Edathy, Ukraine vs. Russland zeigen, wie einfach es ist, Medien im Chor singen zu lassen. Das große Abschmieren geht weiter.

Und übrigens: Wenn Stimmrekorder innerhalb von 12 Stunden auszuwerten gehen – wo bleiben dann die Untersuchungsergebnisse zum Unglücksflug MH17, der über der Ukraine abgeschossen(?) wurde? Wäre es nicht auch da an der Zeit, Fragen aufzugreifen?

11 Kommentare auf “Wie mit Germanwings der Journalismus abschmierte

  1. lieber mathias priebe, mir kamen auch sofort zweifel, als so schnell die zusammenhänge „klar“ waren, zu schnell. wir kennen das hier in diesem land, ich erinnere an das oktoberfest attentat und der einzeltätertheorie, die ganz schnell erfolgte, obwohl es zeugen gab, die anderes gesehen hatten. genauso, dass die nsu 10 jahre lang unbehelligt morden kann, sozusagen unter dem schutz von verfassungsschutz und justiz. auch die nie geklärten umstände des flugzeugabsturzes in der ukraine. endlose beispiele lassen sivh aufzählen. die frage bleibt bestehen: welche absprachen gibt es zwischen politik und unternehmertum, den kosmokraten und ihren pr-ministern ???

    • Danke Constanze! Die unkontrollierbare Macht der Geheimbürokraten, die über die Terrorhysterie zu einer absoluter Macht gewachsen ist, beseitigt zuverlässig Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. Wenn dieser Stasichef de Maizere nach dem Unglück Ausweiskontrollen im Schengenraum fordert, obwohl Spanien diese Pflicht bereits hatte, dann ist das schon reichlich absurd.

  2. Ich vermisse die Frage: Wo genau ist das Flugzeug am Boden, Berg oder Erde aufgeschlagen?
    Wenn es als ein ganzes Flugzeug bis zum Aufprall mit der Erde war, müsste sich eine deutliche Aufprallstelle am Berg zeigen. Brandspuren oder Lackspuren am Fels. Wieso sucht da keiner nach und bekommen wir keine Bilder zu sehen von dem Aufprallpunkt? Dieser muß deutlich zu sehen sein bei der Zerstörungsenergie zu solch vielen kleinen Teilen.

    • Ja, es gibt viele offene Fragen. Am meisten irritiert mich die Art und Weise der Public Investigation. Laufend Details für die Öffentlichkeit, die alle in eine Richtung weisen. Bei MH17 will man uns das ganze Gegenteil weis machen. Während hier die Öffentlichkeit regelrecht überfüttert wird, versteckt man sich im anderen Fall hinter dem laufenden Untersuchungsverfahren. Das ist alles nicht mehr glaubwürdig. Danke für deine Ergänzung.

  3. Super Artikel… Mir kommt die ganze Sache auch irgendwie suspekt vor. Offenbar ist die Aufklärung in Schnelligkeit kaum noch zu überbieten. Von den teilweise im Internet kursierenden Verschwörungstheorieen halte ich überhaupt nichts, aber man kann sich schon Fragen stellen, ob hier nicht irgendetwas vertuscht werden soll.

    • Danke Andreas! Mir geht es genauso. Zwischen Verschwörungstheorie und kritischem Hinsehen gibt es einen Unterschied. Die Tatsache, dass Konjunktive aus der Medienberichterstattung zu dieser und anderen Breaking News eine Halbwertszeit von weniger als 30 Minuten haben, stört mich schon lange. Es wäre für mich sogar nachvollziehbar, dass die französischen Ermittler den Staat schützen. Wenn wir unser Wissen von heute ausblenden und über die Minuten nach Beginn des Sinkfluges nachdenken, ist es praktisch unvorstellbar, dass das Szenario nicht als terroristische Bedrohung wahrgenommen wurde. Oder, was nicht weniger schlimm wäre, die haben alle geschlafen.

    • natürlich wird hier etwas vertuscht. es waren tecnische mängel am Flugzeug gewesen.der c-Pilot hat mit den absturz der Maschine überhaupt nichts zutun. es könnten die Triebwerke versagt haben oder es waren giftige gase in der Kabine.man will etwas verdecken,damit die Fluggesellschaft keinen schaden nimmt.alles nur lügen.

      • Danke für deinen Kommentar. Ob hier etwas vertuscht werden soll, weiß ich nicht. Der Clou ist jedoch: Es muss gar nichts vertuscht werden, weil Medien sich schon lange nicht mehr die Mühe machen, offizielle Verlautbarungen in Frage zu stellen. Das ist alles, worauf ich hinweisen will. Ich gehe auch davon aus, dass die genauen Begleitumstände früher oder später bekannt werden. Allerdings wird das dann facettenreichere Bild niemand mehr zur Kenntnis nehmen, weil wir uns zuverlässig in zwei Lager geteilt haben: Jene, die glauben und solche, die aus Prinzip daran zweifeln. Mit Wissen hat beides nichts zu tun.

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